Oft fühlen Tinnituspatienten sich ausgegrenzt. © Fotolia

Leben mit Tinnitus

Mehr als 11 Millionen Menschen in Deutschland haben einen Tinnitus. Hier erzählen einige von ihnen ihre Geschichte: wie es dazu kam und wie sie seither mit dem Tinnitus leben.

 

“Es ist jetzt 6 Monate her und es beeinflusst mich nur noch wenig.” (NEU Juli 2019)

Damla ist 36 Jahre alt und leidet seit Anfang 2019 an Tinnitus. Bevor sie daran erkrankte, hatte sie in ihrem Leben noch nicht einmal einen Gedanken daran verschwendet.

Dementsprechend plötzlich kam für sie der Tinnitus. Nachdem sie etwa 3 Jahre an starkem Dauerstress litt, der seine Ursache in gesundheitlichen Problemen in der Familie hatte, streikte auch Damlas Körper und reagierte mit einem seltsamen Geräusch im Ohr, das seitdem nicht mehr verschwinden sollte.  Sie ging zum Arzt, der ihr eine Diagnose stellte und Infusionen verschrieb – die halfen nur leider nicht. So musste sie durch einen ziemlich schlimmen ersten Monat, der sie sehr viel Kraft kostete. Sie bemerkte allerdings schnell, dass ihr der Austausch mit anderen Betroffenen gut tat und so lernt sie Schritt für Schritt besser mit ihrem Tinnitus umzugehen. Insbesondere die Arbeit mit ihrem Physiotherapeuten ließ sie eine Verbesserung spüren – er hilft ihr Halswirbel, Nacken und Kiefer zu lockern.

Sie probierte es des Weiteren mit traditioneller chinesischer Medizin, aber nichts half ihr mehr als ihre positive und realistische Einstellung: „Ich denke, den Tinnitus zu akzeptieren und daran zu glauben, dass die Dinge besser werden, hilft mir am meisten.“  Und noch etwas selbstbewusster fügt zu hinzu: „Die Geräusche sind zwar immer noch da, aber ich beachte sie kaum noch. Und wenn, dann sage ich mir einfach: Egal, ich lebe mein Leben so oder so! Der Tinnitus kann mich nicht herunterziehen!“

Damla ist stolz auf ihre neu wiedergefundene Stärke, und gerade weil sie weiß, wie hart es zu Anfang sein kann, empfiehlt sie allen sich Hilfe zu holen: von anderen Betroffenen, Freunden und der Familie. Gemeinsam findet man einen Weg, damit umzugehen.

„Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als es begann.“ (NEU Juni 2019)

Annette Schmidt ist jetzt 56 Jahre alt und obwohl sie ihren Tinnitus nun schon fast 15 Jahre hat, kann sie sich immer noch genau an den Tag erinnern, an dem ihr Körper plötzlich die ersten Symptome zeigte.

Eigentlich wollte sie nur telefonieren – das Telefonat verlief allerdings anders als geplant und nahm sie emotional sehr mit. „Ich habe mich einfach nicht für mich stark gemacht“, sagt sie und vermutet darin den Grund für die körperliche Reaktion in den nächsten Tagen.  Sie litt unter dreitägigem Schwindel und Rauschen in den Ohren,  was sie heute einem plötzlichen Hörsturz zuschreibt. Damals allerdings nahm sie es nicht so ernst, suchte keinen Arzt auf und gewöhnte sich schließlich an das durchgängige Rauschen. Im Laufe der Jahre wurde es jedoch mehr und momentan ist sie davon regelrecht gestresst und genervt.

Um ihre Beschwerden etwas zu lindern nimmt sie verschiedene Nahrungsergänzungsmittel – z. B. Gingko, Zink oder Magnesium. Das tut ihr gut, reicht aber noch lange nicht aus für wirkliche Erleichterung.  Deswegen hat sie es mit manueller Therapie versucht, um die Halswirbelsäule beweglicher zu machen und somit eventuell den Tinnitus verstärkende Verspannungen im Nacken vorzubeugen. Aber weder das noch Osteopathie haben eine dauerhafte Veränderung bewirkt.  Einen kleinen Lichtblick erlebte sie vor kurzem in einer Fortbildung zum Thema Tinnitus: Während sie in die Ausführungen vertieft war, hörte sie für mehrere Minuten lang kaum Geräusche. 

Das gibt ihr Kraft, denn sie spürt: „Es ist Bewegung möglich, allerdings noch nicht dauerhaft. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich irgendwann beschwerdefrei bin. Irgendwie glaube ich, dass der Tinnitus ein Symptom ist, um mich auf etwas in meinem Körper/Seele aufmerksam zu machen, was ich bis jetzt noch nicht hören kann.“

„Ich hatte solche Schmerzen, dass ich es nicht mal zum Supermarkt geschafft habe.“ (NEU Juni 2019)

Jeff McBride ist 49 und hat in seinem Leben schon wahrlich einiges erlebt. Als gebürtiger US-Amerikaner verbrachte er die meiste Zeit seines Lebens in den Staaten, seine große Leidenschaft war und ist  die Musik. Tinnitus und Hyperakusis entwickelte er während der späten 90er Jahre, als er viel in Seattle Musik machte.

Gerade in der Anfangszeit war das mehr als hart für ihn. Jeff erinnert sich an einen Tag im Jahr 2001, an dem er mit solchen Schmerzen in seiner Wohnung lag, dass er nicht einmal einkaufen gehen konnte. Diese Phase dauerte beinahe fünf Jahre an und Jeff verließ öfter einmal der Lebensmut, sodass er immer häufiger ernsthaft über Selbstmord nachdachte. Er verstand, dass es Zeit war, sich Hilfe zu suchen. Nachdem er bereits einige schlechte Erfahrungen mit Chatrooms und Therapeuten gemacht hatte, fand er glücklicherweise die geeignete professionelle Hilfe. Von da an veränderten sich die Dinge und 2008 beschloss er, selbst Psychotherapeut zu werden und machte 2012 dann auch erfolgreich seinen Abschluss an einem tiefenpsychologischen C.G. Jung Institut.

Daher hat er sich seitdem viel mit Psychologie beschäftigt und konnte für sich einige Dinge feststellen.  Tinnitus ist sehr individuell und für ihn ist besonders die Therapie mit Kunst und Musik ein interessanter Aspekt, da sie ihm Erleichterung und Freude zugleich bringt. Er hat gelernt an das Positive zu glauben, seine Chancen im Leben zu nutzen und das Leben mehr zu genießen. Ausschlaggebend war dafür vor allem seine Zeit in Hawaii ab 2010, in welcher er viel mit Freunden unternahm, Zeit in der Natur verbrachte und von dem warmherzigen Gemüt der Einwohner profitierte. Im Gegensatz zu Seattle, wo er fast seine gesamte Zeit in der Wohnung verbracht hatte, blühte Jeff richtig auf und spürte wie er seinen Tinnitus immer weniger wahrnahm.  Darüber hinaus meditiert er  schon sehr lange und vor allem seine Beziehungen zu anderen Menschen helfen ihm enorm. Er glaubt, dass  man langfristig auch ohne spezielle Tinnitus-Therapie wieder glücklich sein kann und mit genügend positivem Denken eine Besserung der Symptome erzielen kann.

Sein bestes Beispiel dafür: Wenn früher jemand von nebenan mit lauten Elektrowerkzeugen hantiert hat, dann musste Jeff für die Dauer der Geräusche seine Wohnung verlassen, weil er es kaum aushielt. Heute ist sein Tinnitus so erträglich geworden, dass er beruflich mit ebensolchen Geräten am Bau von Musikinstrumenten arbeitet. Eine positive Einstellung und Akzeptanz sowie der Glaube an das Glück sind der Antrieb für Jeffs neu gewonnene Lebensfreude.

Um auch anderen zu helfen, ihr Leben wieder aktiv in die Hände zu nehmen, ist Jeff die letzten Jahre viel gereist und hat an unterschiedlichen Stellen gearbeitet – beispielsweise in Afghanistan, Irak, Deutschland oder Korea. Für die Zukunft wünscht er sich, hauptberuflich mit Tinnitus-Betroffenen arbeiten zu können. Momentan lebt er wieder in Hawaii und arbeitet an einem neuen Projekt.

„Es beeinflusst mich nicht mehr so sehr.“ (NEU Juni 2019)

Tom aus England ist 15 und an Tinnitus leidet er seit etwa 3 Jahren. Diese Zeit hat er auch benötigt, um seinen Tinnitus so zu akzeptieren, dass er ihn in seinem Leben nicht mehr so einschränkt.

Hinzu kommt, dass Tom eigentlich schon immer an Tourette leidet und sogenannte Ticks hat. Diese hindern ihn vor allem beim Einschlafen, aber er kann damit so umgehen, dass er jede Nacht genügend Schlaf bekommt und es ihn nicht zu sehr beeinflusst. Gerade aus dieser Krankheit kennt er bereits den Umgang mit schwierigen Situationen. Als er dann 2016 mitten in der Nacht aufwachte und einen Ton wahrnahm, der für ihn wie ein „Schrei im Ohr“ klang, war er zunächst ziemlich verunsichert. Er recherchierte und ging zum Arzt, der dann die Diagnose „Chronischer Tinnitus“ stellte. Darauf folgten für Tom einige harte Monate: er konnte kaum schlafen, litt unter enormen Stress und seine Eltern erzählten ihm immer wieder, es würde sich nur um eine Phase handeln. Leider vergingen zwei Jahre und nach unzähligen Besuchen bei Tinnitus-Spezialisten wurde ihm schließlich klar, dass er lernen musste, damit umzugehen und den ständigen Ton zu akzeptieren.

Er lernte auf sich und seinen Körper zu hören und zu beobachten, in welchen Situation der Tinnitus verstärkt wird. Daher verzichtet er seit einiger Zeit auf bestimmte Lebensmittel, hört entspannte Musik zum Einschlafen und in der Schule arbeitet er manchmal in einem extra Raum, wo er in besonders schlimmen Momenten Kopfhörer tragen kann. Außerdem spielt er Football an einer speziellen Football Academy. In einigen Situation empfindet er seinen Tinnitus als sehr stressig, aber er kann dennoch behaupten, dass es ihn nicht mehr so beeinflusst wie früher.

“Ich versuche dem Tinnitus ein Gesicht und eine Form zu geben.” (NEU Juni 2019)

Jasmin ist noch sehr jung und ihr Tinnitus beängstigt sie häufig. Dementsprechend leidet sie unter Angstzuständen und das verstärkt den Ton leider in den meisten Fällen.

Um damit besser umzugehen hat sie eine ungewöhnliche Technik entwickelt: Sie stellt sich vor, der Tinnitus hätte eine Gestalt. Es fühlt sich dann für sie in etwa so ein, als würde sie von einer fremdartigen Kreatur besucht werden. Durch diese Art der Romantisierung fällt es ihr leichter, die sonst so deprimierenden Gefühle in etwas Positives umzuwandeln. Sie malt gerne und auch dort entfaltet sie gerne ihre Kreativität: Sie gibt ihrem Tinnitus ein Gesicht und eine Form, manchmal in Form eines Kolibris, der um ihr Ohr summt, manchmal in Form eines Wals, der sie an Tiefe und Traurigkeit erinnert. Sie findet immer neue Wege, ihre Gefühle zeichnerisch auszudrücken. Manchmal wünscht sie sich, dass ihre Bilder weniger niederschlagend wären, aber „so ist das nun mal“, sagt sie. Dennoch versucht sie, etwas Schönes aus dem zu machen, was ihr für gewöhnlich eher Angst einjagt.

„Ich habe 5 Jahre gebraucht, um mir selbst einzugestehen, dass ich Hilfe brauche.“ (NEU Juni 2019)

Karin aus Jakarta hat seit knapp 7 Jahren Tinnitus.  Ihr wurde damals ein mittlerer Hörverlust diagnostiziert, aber damals möchte sie noch nicht zugeben, dass sie Hilfe mit ihrem Hörproblem benötigt.

Kommunizieren mit anderen war für sie sehr schwierig und immer wieder überkamen sie Angstzustände, die sie ganz alleine mit sich ausmachte. Sie fühlte sich isoliert und ihre Lieblingsmusik, die ihr sonst über schwere Zeiten hinweg half, konnte sie aufgrund des Tinnitus nicht mehr genießen. Nachdem sie sich endlich Hilfe suchte, trägt sie jetzt seit einem Jahr ein Hörgerät, das ihr in vielen Situationen hilft. „Der Tinnitus ist immer noch ein dauerhaft wahrnehmbares Geräusch für mich, aber ich habe gelernt belastbarer und offener gegenüber diesem Thema zu sein.“

Insbesondere die Unterstützung von Familie und Freunden helfen ihr, mit dem Tinnitus klarzukommen. Zudem bemüht sie sich ständig um Verbesserung, erzieht sich selbst, wenn sie merkt, dass sie in alte Muster zurückfällt und informiert sich immer weiter. In ihrer Region gibt es seit einiger Zeit eine Community von Gehörlosen und Menschen mit Hörproblemen, in der sich Karin aufgehoben fühlt und die ihr interessante neue Einblicke gibt.

„Hohe Töne höre ich erst, wenn sie schon sehr laut sind.“ (NEU Juni 2019)

Andrea ist 58 Jahre alt und an Tinnitus leidet sie nun schon seit mehr als acht Jahren.  Alles begann mit einer Neuralgie der Zwischenrippennerven, bei der sich selbst nach etlichen Arztbesuchen keine Besserung einstellen wollte.

Sie versuchte es mit Tabletten, Spritzen und ähnlichen Medikamenten. Als dann noch ihr Hund starb, der ihr als langjähriger Begleiter als Herz gewachsen war, begannen die hohen Pieptöne im Ohr. Anfangs ließen sie zum Glück wieder nach, aber irgendwann sollte der hochfrequentige Tinnitus bleiben und sich auf beide Ohren ausweiten. Dazu kam ein beträchtlicher Hörverlust. Andrea fiel es anfangs sehr schwer damit umzugehen, denn das Geräusch übertönte alle anderen Töne und in Gesprächen konnte sie sich kaum auf die Worte ihres Gegenübers konzentrieren. Sie probierte es mit Hörgeräten, allerdings überforderten sie die vielen zusätzlichen Geräusche. Deshalb hat sie in den letzten Jahren ihren eigenen Weg gefunden, um mit dem Tinnitus umzugehen: Sie sucht sich verschiedene Nebengeräusche, die sie von ihrem Tinnitus-Ton ablenken. Denn leider kam mit der Zeit neben dem hohen Piepen noch ein zweiter Ton hinzu – ein kontinuierliches Ticken, das „wie ein alter Wecker“ klingt. Da die beiden Geräusche gerade in der Stille besonders laut sind, läuft bei ihr fast den ganzen Tag das Radio und nachts greift sie gerne auf eine Einschlafhilfe für Babys zurück, die ein sogenanntes weißes Rauschen erzeugt.

„Liegt mein Mann neben mir, genügt mir auch sein Schnarchen“, sagt sie und ist damit wohl einer der wenigen, die das nächtliche Geräusch des Ehepartners zu schätzen wissen. Sie meistert ihren Tinnitus mit viel Pragmatismus, denn sie weiß: „Es bleibt einem eben nichts anderes übrig, als den Tinnitus anzunehmen oder daran zu zerbrechen.“  Ihre Stärke zieht sie aus ihrer positiven Einstellung und hofft mit der Veröffentlichung ihrer Geschichte auch anderen helfen zu können.

„Manchmal fühlt es sich an, als würde mein Kopf explodieren!“ (NEU Juni 2019)

Iain MacLeod-Brudenell ist ein britischer Künstler und Forscher, der bereits seit mehreren Jahren an Tinnitus und Trigeminusneuralgie leidet. Zweiteres ist eine Form des Gesichtsschmerzes, der aufgrund einer Nervenreizung auftritt.

Zusammen mit dem Tinnitus belastet er Iain vor allem morgens, denn da ist es für ihn laut eigenen Worten am schlimmsten: „Ich höre dann einen lauten, durchgängigen Sound und leide unter visuellen Wahrnehmungsstörungen sowie Schmerzen.“ Dagegen helfen meistens Medikamente, aber eine dauerhafte Lösung für den Tinnitus hat er noch nicht gefunden.  In den letzten zehn Jahren war er bei unzähligen Ärzten, aber er bekam dort nicht die Hilfe, die er sich wünschte, stattdessen hat er häufig das Gefühl gehabt, dass Tinnitus als unbedeutend und leicht zu verkraften abgetan wird. Als Betroffener weiß er aber nur zu gut, in wie vielen Bereichen des Lebens einen die Ohrgeräusche beeinträchtigen können und möchte deshalb mit seiner Kunst und seiner Arbeit mehr Aufmerksamkeit für das Thema generieren. Mit seinen Zeichnungen und Malereien versucht er seinen Tinnitus zu visualisieren, aber auch die Gefühle anderer auszudrücken, die ebenfalls darunter leiden. Dabei versucht er sowohl Menschen mit Hörproblemen als auch jene mit verschiedenen Formen von Tinnitus miteinzubeziehen. Er freut sich über Zeichnungen von Betroffenen, die ihn gerne bei seiner Arbeit unterstützen möchten – diese können als Privatnachricht an seinen Facebook Account gesendet werden:

“Ich hätte nie gedacht, dass man Tinnitus so plötzlich bekommen kann – bis es genau so geschah.” (Neu April 2019)

Daniel ist 30 Jahre alt  und hat seinen Tinnitus wahrscheinlich durch zu hohe Lärmbelastung. Einen Monat nach einem DJ-Auftritt wacht er auf und die Töne sind da, ganz plötzlich und ohne Vorwarnung.

Damit umzugehen, fällt ihm immer noch schwer und er befindet sich immer noch in einer Phase, die er selbst als „kritisch“ bezeichnet. Ihm fällt es schwer, sich zu entspannen – und sein Gehirn sowohl aktiv als auch passiv einfach mal auszuschalten. In Sachen Meditation war er noch nie gut, aber darin möchte er sich unbedingt verbessern. Momentan fühlt er sich ziemlich hilflos, aber er weiß, dass sich Stimmungen und Stress im Laufe der Zeit ändern. Der Gedanke, dass die Zeit wohl helfen wird, gibt ihm etwas Hoffnung.

„Als ich akzeptierte, dass ich Tinnitus und Hörverlust habe, empfand ich ein Gefühl des Friedens.“

Nichole ist 42 Jahre alt und leidet seit acht Jahren an der Meniére- Krankheit. Zuerst dachte ihr HNO-Arzt, es wäre nur ein plötzlicher Hörverlust, aber ein paar Monate kam der Schwindel hinzu und dann entdeckte man auch die Krankheit.

Hinzu kam eine Atemwegs- und Sinusinfektion, durch welche Nichole zwei weitere Hörverluste erlitt.  Seitdem verzeichnet man einen schwankenden Rückgang ihres Hörvermögens – inzwischen hat sie ganze 70 Prozent ihres Hörvermögens auf dem linken Ohr verloren und leidet unter einem ständigen Tinnitus. Auf Anraten ihres Arztes schafft sie sich ein Hörgerät an, was ihr sehr hilft. Es hat fünf verschiedene Lautstärkeeinstellungen, so dass sie es je nach Bedarf nach oben oder unten drehen kann. „Es hilft, den Tinnitus zu übertönen“, sagt sie. Zusätzlich trägt sie Ohrstöpsel – insbesondere in lauten Umgebungen oder wenn ihre Ohren müde sind.

Mit dem Laufe der Zeit hat sie gelernt, ihre Bedürfnisse an die jeweilige Situation oder den Zustand anzupassen. Die Unvorhersehbarkeit der Symptome erschweren die Gewöhnung und das Management im Alltag, aber sie versucht stets positiv zu bleiben. Zu akzeptieren, dass sie nun an Tinnitus und Hörverlust leidet, gab ihr innerlich viel Ruhe und Frieden. Mithilfe der Hilfsmittel, die sich in der Vergangenheit als nützlich erwiesen haben, versucht Nichole ihre Tage so gut wie möglich zu gestalten.

“Geschenke gab es für ihn keine. Aber er ist ja auch nur in meinem Kopf.“ (Neu April 2019)

Tina ist 57, ihr ständiger Begleiter Titus Balthasar ist dagegen gerade einmal zehn. Das ist der Name, den sie ihren Tinnitus gegeben hat und der ihr seit 2009 Gesellschaft leistet.

Wenn man das so hört, klingt das erst einmal lustig. Tatsächlich scheint Tina einen fröhlichen Umgang mit ihrem Tinnitus zu haben, feiert sie doch still seinen Geburtstag und macht Späße über ihn, als wäre er eine Person. Dahinter steckt jedoch mehr, denn bevor Tina an den Punkt kam, an dem sie ihrer Krankheit gelassen und mit positiver Einstellung gegenübertreten konnte, verging einige Zeit.

Denn damit, dass die Töne für immer bleiben würden, hatte sie nicht gerechnet. 2009 litt sie an einer schlimmen Grippe, die als Nebensymptom von fiesen Ohrgeräuschen begleitet wurde. Als Tina ihren Arzt damals darauf ansprach, winkte der nur ab und versicherte ihr, dass diese nach Abklingen der Erkältung wieder verschwinden würden. Leider blieb das Zirpen im Ohr und ist seitdem mal lauter und mal leiser. Tina versuchte alles Mögliche zur Therapie – von Sauerstofftherapie über Infusionen bis hin zu einem Noiser. Nichts davon half.

Ihr blieb nichts anderes übrig, als die dauerhaften Töne zu akzeptieren und als neuer Teil von ihr bekam der Tinnitus einen Namen. Inzwischen weiß sie, in welchen Situationen sich die Symptome verstärken und was sie dagegen tun kann. „Titus“ wird laut, wenn sich der Luftdruck verändert oder sie mit viel Stress zu tun hat. Auch nimmt sie ihn verstärkt bei Stille oder lauter Musik wahr. Allgemein ist sie inzwischen sehr geräuschempfindlich – deshalb hilft ihr vor allem Ablenkung, wie wenn sie sich mit Freunden trifft, ein Buch liest oder ein bisschen schreibt. Den Tinnitus kann sie dann gut ausblenden.

„Mal sehen, wie alt wir beide zusammen werden“, sagt sie scherzhaft. Sie lebt mit dem Tinnitus und hat aufgehört, ihn zu bekämpfen.

“Der Tinnitus hat mein Leben sogar verbessert.” (Neu März 2019)

Pascal Eistetter hatte einen großen Traum: Sich irgendwann eine Harley Davidson zu kaufen und damit die Straßen unsicher zu machen. Im Mai 2017 setzt er seinen Traum dann auch in die Tat um. Er hatte allerdings nicht damit gerechnet, was seine Fahrt mit der lauten Maschine neben all der Freude noch mit sich bringen würde – nämlich ein beidseitiges hohes Piepsen, das seitdem nicht mehr verschwinden sollte.

Die Ärzte fanden keine Ursache und auch nach einer OP, bei der sich Pascal aufgrund einer Belüftungsstörung im Ohr ein sogenanntes Paukenröhrchen einsetzen ließ, veränderte sich nichts an dem Tinnitus. Nichts half und er war permanent verzweifelt.

„Das Einzige, was mir geholfen hat, war mein Schicksal anzunehmen und weiter zu leben.“ Nach etwa einem Jahr Motorradpause stellt sich Pascal seiner Angst und setzt sich erstmals wieder mehr Lärm aus. Er stürzt sich ins Berufsleben und widmet sich erneut  seiner Leidenschaft, der Harley Davidson. Bereits nach kurzer Zeit spürt er, wie der Tinnitus immer unwichtiger wird. Nach etwa neun Monaten ist er jetzt so weit, dass er  den Tinnitus in besonders schlimmen Momenten einfach ignoriert und sich stattdessen mit etwas anderem beschäftigt. Zusätzlich trägt er jetzt immer speziell angepasste Silikon-Gehörschutzstöpsel.

Ein Leben mit Tinnitus? „Ist möglich!“, sagt er ganz klar und ist stolz, dass er den Tinnitus kontrolliert und nicht umgekehrt. Sein Geheimrezept heißt Ablenkung. Zudem lässt er sich nicht beirren, das zu tun, was ihm gut tut. „Eine Harley Davidson muss eben laut und blubbernd sein!“

Deswegen behauptet er heute, dass der Tinnitus sein Leben sogar verbessert hat – denn er hat gelernt, sich nicht von seinen Träumen abhalten zu lassen. Er möchte anderen Menschen helfen, ebenfalls ihren Tinnitus zu bewältigen und freut sich über private Nachrichten.

  • Facebook: Pascal Eistetter
  • Instagram: @rokkker

„Es war furchtbar. Ich konnte nicht schlafen, mich nicht konzentrieren und hatte ständig Kopfschmerzen.“ (Neu März 2019)

Romina ist 39 Jahre alt. Unter Tinnitus leidet sie erst seit kurzem, nämlich etwas länger als einem halben Jahr. Trotz ihres Alters wusste sie zunächst nicht damit umzugehen, denn mit Tinnitus oder Gehörproblemen kam sie vorher noch nie in Kontakt.

Nächtelang lag sie wach und konnte den Ton nicht ausblenden, morgens wachte sie dann mit starken Kopfschmerzen auf. Als tagsüber noch Konzentrationsprobleme hinzukamen, begann sie Schlaftabletten zu nehmen, um wenigstens nachts ihre Ruhe zu finden. Hinzukamen Antidepressiva, die ihr auch derzeit noch viel Erleichterung bringen. Stolz auf die Einnahme der Medikamente ist sie nicht, aber sie helfen eben.

Seit einiger Zeit bemerkt sie aber einen Prozess und inzwischen kann sie zuversichtlich sagen: So langsam lernt sie damit umzugehen. Statt sich dauerhaft depressiv und gefangen zu fühlen, gelingt es ihr, dem Tinnitus immer weniger Aufmerksamkeit zu schenken und  sich wieder mehr auf ihr Leben zu konzentrieren. Sie möchte auch bald die Schlaftabletten absetzen.

„Antidepressiva sind manchmal mein Rettungsanker.“ (Neu Febr. 2019)

Hedda ist 64 Jahre alt  und hat seit 15 Jahren mit Tinnitus zu kämpfen. Noch nimmt sie das ein oder andere Mal kleine Dosen Antidepressiva, aber sie hofft, dass sie es eines Tages nicht mehr muss.

Denn obwohl sie schon so lange betroffen ist, konnte sie bis jetzt kaum etwas finden, was ihr im Kampf gegen den Tinnitus hilft.  Sie erlitt damals einen schweren Fahrradunfall mit Schleudertrauma und etlichen Gesichtsverletzungen wie einem Nasen- und Siebbeinbruch, seitdem leidet sie an einem hohen Pfeifton auf der rechten Gehirnhälfte. Nach dem Sturz auf das Gesicht suchte sie unzählige Ärzte auf: HNO-Spezialisten, Physiotherapeuten, Osteopathen, Heilpraktiker, Psychologen und Neurologen. Keine der Therapien, die sich von Akkupunktur über Verhaltenstherapie bis hin zur Verwendung von Noisern erstreckten, konnte ihr wirklich helfen. Ein Hörakkustiker schlug ihr eines Tages ein Hörgerät vor, das ihr hilft die fehlenden hohen Töne auf dem rechten Ohr wieder zu hören. Wenn sie will, kann sie darüber auch Musik hören und es hilft ihr tagsüber sehr. Das und das Spazieren mit ihrem Hund sowie einige Hobbys helfen ihr gut, sich von dem dauerhaften Ton abzulenken.

Dennoch merkt sie selbst, dass sie kleine Abweichungen im Alltag sehr fordern. Familientreffen, Feiern, aber auch Sport sorgen meist sofort dafür, dass der Tinnitus lauter wird. Nach all den Jahren als Betroffene stellt sie fest, dass sie sich sehr verändert hat: „Ich lebe mehr zurückgezogen und bin nicht mehr belastbar.“

„Ich habe Tinnitus seitdem ich 15 Jahre alt bin und wie es begann oder wie sich Stille anfühlt, daran kann ich mich nicht einmal mehr erinnern.“ (Neu Febr. 2019)

Rony Manriquez ist 44 Jahre alt und wohnt in Chile. Dass Tinnitus absolut nichts mit der Herkunft oder dem Alter zu tun haben muss, zeigt sein Beispiel: bereits in der Jugendzeit begann der Ton in seinem Ohr und verschwand seitdem nie wieder.

Nach ganzen 29 Jahren mit der „freundlichen Schnecke“, wie er den Tinnitus beinahe liebevoll bezeichnet, hat er gelernt, dass ein Leben mit weniger Stress den Ton für ihn erträglicher macht.  Viel Bewegung und ein gesunder Lebensstil helfen ihm, auch die etwas weniger guten Tage sehr gut zu überstehen. Seine Familie und die Liebe, die sie ihm geben, stärken ihn genug, um sich täglich seinem Tinnitus gegenüberzustellen. „Wir alle sollten den Glauben nicht verlieren, denn ich bin sicher, dass es eines Tages eine Heilung geben wird.“

Er findet außerdem, dass sich seine Sichtweise mit der Zeit geändert hat und möchte gerne anderen Betroffenen mit seiner Erfahrung helfen. Aus diesem Grund hat er jeweils eine spanische Seite auf Facebook und Instagram erstellt, auf denen er viel über Tinnitus berichtet.

 „Nach einer Operation im Säuglingsalter höre ich auf dem rechten Ohr fast gar nichts mehr.“ (1/2019)

Antonia Werther* leidet seit mehr als 5 Jahren an einem beidseitigem Tinnitus. Dass sie rechts fast nichts mehr hört, stört sie nicht allzu sehr, denn daran konnte sie sich ihr ganzes Leben schon gewöhnen.

Das Pfeifen dagegen, das sie nun seit längerer Zeit auf beiden Ohren wahrnimmt, kann ziemlich nervig sein. Leider zahlt die Krankenkasse keine Therapie, bei der mit Geräuschunterdrückern gearbeitet wird und welche den Tinnitus angeblich mithilfe von „Gegengeräuschen“ übertünchen sollen.  Sie würde sich eine solche Behandlung wünschen, allerdings hat sie sich inzwischen schon so daran gewöhnt, dass sie eigentlich keine große Lust mehr auf Experimente hat.

„Nach einem lauten Rockkonzert bekam ich mit 18 Jahren die Diagnose Lärmtrauma. Das Resultat: chronischer Tinnitus.“ (1/2019)

Inge ist 25, Studentin und singt seit mehreren Jahren in verschiedenen Bands. Die Liebe zur Musik ist ein wichtiger Bestandteil in ihrem Leben, den sie auch nach der Tinnitus-Diagnose nicht aufgeben möchte. Trotzdem muss sie das Singen anfangs erst einmal bleiben lassen.

Sie probierte es mit Tabletten, Infusionen, Akkupunktur und nahm unzählige ärztliche Untersuchungen wahr. Leider konnte ihr nichts davon helfen, und auch die häufige negative Umgangsweise mit dem Thema sowie die eingeschränkten Therapiemöglichkeiten machen ihr zu schaffen. Wenn sie daran denkt, hat sie noch heute Tränen in den Augen, schließlich liebt sie es, auf Partys und Konzerte zu gehen und vor allem selbst auf der Bühne zu stehen. So kommt es, dass sie seit dem Lärmtrauma nur noch mit Gehörschutz auftritt, sogenannten In-Ears. Sie weiß, dass das Tragen solcher Ohrstöpsel ihr Lärmtrauma von 2012 möglicherweise hätte verhindert können. Trotzdem versucht sie sich nicht an Vergangenem aufzuhalten und hat ihren Tinnitus akzeptiert. Ein wichtiger Schritt, wie sie findet, außerdem wünscht sie sich, dass sie andere Menschen mit ihrer Geschichte dazu bewegen kann, besser auf ihr Gehör aufzupassen. Allen Betroffenen rät sie, es mit meditieren, autogenem Training, Hörbüchern oder Entspannungsmusik zu probieren – das hilft ihr immer sehr.
Sie geht es stark und positiv an: „Obwohl es manchmal schwierig ist, lasse ich mir die Lust am Musik machen und schon gar nicht die Lust am Leben nehmen.“

Wer wissen will, wie es klingt, wenn Inge singt, besucht gerne mal die Facebookseiten ihrer zwei Bands:

 „Ich saß in meinem Büro und arbeitete (…) Ganz plötzlich gab es ein Knacken im linken Ohr.“ (1/2019)

Daniela ist 36 Jahre alt und erlitt im Februar 2015 einen Hörsturz. Sie war schon immer ein Mensch, der sich viel zu Herzen nimmt und sich selbst viel Stress macht.

So wurde Stress der Auslöser für einen inzwischen beidseitigen Tinnitus, der nur in ganz seltenen Momenten verschwindet. Auf der linken Seite hat sie einen leichten Hörschaden, zudem ist der Ton manchmal kaum ertragbar. Anfangs dachte sie, dass sie nicht so weiterleben könnte. Hinzukamen Haarausfall und ständige Verzweiflung, denn der Umgang in den ersten Wochen nach der Diagnose waren nicht leicht: Heulkrämpfe, kontinuierliche Traurigkeit, sie konnte nicht mehr schlafen und auch ihr Mann wusste nicht, wie er der sonst so lebensfrohen Daniela helfen kann.

Mittlerweile versucht sie mehr auf ihren Körper zu achten, in dem sie in sich hineinhört und spürt, in welchen Situationen der Ton lauter wird und wann nicht. Viel Schlaf, Sport und emotionale Ausgeglichenheit helfen ihr, den Tinnitus zu reduzieren. Ebenso hat sie gute Erfahrungen mit Musik und Achtsamkeitsübungen gemacht, beide helfen ihr sehr. Reine Stille ist für sie allerdings immer noch unerträglich und sie möchte demnächst eine Kur machen, von der sie sich eine Besserung erhofft.  Außerdem wünscht sie sich, dass das Tinnitus  ernster genommen wird und Betroffene in ihrem Umgang mit der Krankheit besser von den Ärzten und  Krankenkassen unterstützt werden.

„Das Schlimme ist: Man sieht es den Leuten nicht an. (…) Ich wünsche das wirklich keinem. Und ich bin vermutlich noch gut weggekommen.“ 

"Es hilft, ein wenig." (12/2018)

Auf einem Ohr ist es ein lautes Brummen, in dem anderen ein durchgehender Piepton. Thomas Weber leidet seit 15 Jahren an Tinnitus. Den Auslöser kennt er nicht, lediglich an eine Entzündung im Ohr während seiner Kindheit kann er sich erinnern. Die Töne nimmt er vorrangig beim Einschlafen oder in ruhigen Momenten wahr. 

In den letzten 4 Jahren verschlimmerte sich dann sein Zustand, hinzukamen Konzentrationsprobleme, Schlaflosigkeit und abfallende Leistungsfähigkeit. Die Hausarztbesuche brachten keine neuen Erkenntnisse oder Verbesserungen, dennoch fängt er auf Anraten eines HNO-Spezialisten mit Yoga an. Der Sport sowie zusätzliche Krafteinheiten, Meditation und Entspannungsübungen helfen ihm die Geräusche für eine Zeit lang auszublenden. Dennoch ist es der Ton inzwischen zu jeder Tageszeit deutlich zu hören und verschlimmert sich durch äußere Einflüsse. Wenn er zu Konzerten geht, benutzt er immer Ohrstöpsel, aber das schlechte Gewissen bleibt. Ihm fällt es schwer, auf Arbeit seine Leistung abzurufen und er muss sich deswegen häufig bei seinem Arbeitgeber oder bei Freunden für die mangelnde Konzentration erklären. "Man versucht, durch den Tag zu kommen", sagt er, und hofft, dass sich durch die Veröffentlichung seiner Geschichte andere Betroffene nicht so allein fühlen.

"I stopped everything."  (12/2018)

Maria-Magdalena ist 33 Jahre alt, ihren Tinnitus bekam sie vor 9 Jahren, nach einer von vielen Sinusinfektionen. Am Anfang war es erträglich und sie nahm das Geräusch nur nachts wahr. aber der Tinnitus wurde mit weiteren Infektionen schlimmer. Sie hatte das Gefühl, dass ihr Leben nicht so weiter gehen könnte und litt unter schweren Depressionen.

Schmerzmittel halfen nicht, die Kopfschmerzen nahmen täglich zu und irgendwann unternahm sie außer Arbeiten und Schlafen gar nichts mehr. Sie zog zurück zu ihren Eltern, weil sie alleine nicht mehr klar kam und alles in ihrem Leben nur noch hasste. Irgendwann ging sie ins Kino und schaute den Film "The Way". Die Geschichte gab ihr neue Inspiration und sie fasste den Mut, ihren Job zu kündigen und den Jakobsweg in Spanien anzutreten. Seitdem nimmt Maria-Magdalena ihr Leben wieder in die Hand und hat gelernt, mit dem Tinnitus umzugehen und ihre Zeit positiver zu gestalten. Dazu gehören unter anderem Meditation, Yoga, Sport und ein bewusster Umgang mit sich selbst und dem eigenen Körper.

"Es war ein Kampf - ein langer Kampf, bis ich herausfand, dass ich den Tinnitus akzeptieren musste, anstatt ihn zu bekämpfen." Heute ist sie endlich wieder glücklich. Und weil sie findet, dass 9 Jahre viel zu lange sind, um den eigenen Frieden wiederzufinden, betreibt sie einen Blog, eine Facebook- und Instagramseite, um anderen Betroffenen zu helfen.

Ihre Beiträge findet ihr auf:

"Mit der Zeit wurde es besser, aber der Tinnitus blieb." (12/2018)

Martina Berger* ist 55 Jahre alt. Zwei Jahre nach der ersten Schwangerschaft, mit 24 Jahren, kam der Tinnitus - und blieb. Unzählige HNO-Ärzte haben sie untersucht, eine Ursache wurde nie gefunden. Lange Zeit lebte sie mit dem ständigen Dröhnen, der Übelkeit, Kopfschmerzen, Erschöpfung und den Depressionen.

Der Besuch einer Selbsthilfegruppe hilft ihr, neuen Lebensmut zu finden, aber der Tinnitus schränkt sie in ihren Aktivitäten stark ein: Laute Orte wie Konzerte kann sie nicht mehr besuchen, auch lange Fahrten kann sie nicht mehr bewältigen. 2014 verstärken sich die Symptome bis hin zu massiven Sehstörungen auf dem linken Auge, sie fühlte sich wie geblendet. Nach langwierigen Untersuchungen wird bei ihr "Pseudo Tumor Cerebrie" festgestellt - ein Symptom, bei dem durch zu viel Hirnwasser ein starker Druck entsteht, der auch für den Tinnitus verantwortlich sein kann. Seitdem wird sie mit Medikamenten und Lumbalpunktionen zur Druckentlastung behandelt und ihr geht es etwas besser. Der Tinnitus ist zeitweise dennoch sehr heftig und sie wird ihr Leben lang zum Arzt gehen müssen, sobald es sich mal wieder nicht aushalten lässt. Neben Stress kann Tinnitus vielzählige Ursachen haben; Martina wünscht sich, man hätte ihre früher festgestellt.

"Das Fiepen ist nicht mehr der Feind." (2014)

Ingrid Herrmann* ist 35 Jahre alt. Den Tinnitus hat sie 2005 durch Pfeiffer’sches Drüsenfieber bekommen. Die Hausärztin hatte zu spät reagiert, und als Frau Herrmann zur HNO-Ärztin geschickt wurde, bekam sie den Rat: "Sie müssen sich daran gewöhnen!"

Später wurde dann eine Innenohrschwerhörigkeit entdeckt, die endlich erklärte, warum sie bereits als Kind so viele Lern- und Sprachprobleme hatte. Den Tinnitus hat sie seit etwa vier Jahren „gut im Griff“: „Das Fiepen ist nicht mehr der Feind wie früher. Ich sehe jetzt stattdessen einen Menschen im Ohr sitzen: Er sitzt da mit seiner Trompete und lacht ganz freundlich.“

Die Erfahrung, dass Menschen sich abwenden, hat auch sie gemacht. Aber andere sind inzwischen da, die akzeptieren, „wenn ich mich mal zurückziehe, mal schlechte Laune habe  oder traurig bin.“ Und entscheidend ist die Unterstützung durch den Ehepartner: „Mein Mann hat Mitgefühl, aber er versteht mich auch!“

Vor sieben Monaten kam ihr Sohn zur Welt. Während der Schwangerschaft setzte plötzlich zusätzlich zum Tinnitus noch ein tiefer Ton ein – „ein Brummen, als ob das Trommelfell vibriert.“ Frau Herrmann berichtet von Schweißausbrüchen und Angstattacken. Dieser Brummton überdeckt den Tinnitus-Fiepton. Die Ärzte haben ihr Hoffnung gemacht, dass der Ton wieder verschwindet.

"Tinnitus gehört zu meinem Leben." (2014)

Max Müller* war 15, als er mit dem Kopf gegen eine Mauer prallte und bewusstlos liegen blieb – Sportunfall.

Dass er in den folgenden Wochen und Monaten „immer so einen Ton hört, der nicht weg geht, selbst beim Schlafen nicht“, erzählte er seiner Mutter erst später. Ein zu Rate gezogener HNO-Arzt konnte jedoch nicht helfen. Dabei war der Ton im ersten Jahr „besonders schlimm“, zeitweise sogar so massiv, dass es bei Max zu schweren Depressionen kam.

Zum Glück hatte seine Mutter schon von Tinnitus gehört. Also schickte sie ihren Sohn erneut zur Behandlung, und ihr Verdacht wurde bestätigt – mehrere Haarsinneszellen im Ohr waren irreparabel beschädigt.

Heute spielt Max Gitarre in seiner eigenen Band. Zwar verstärken sich die Tinnitus-Schübe nach Konzerten häufig. Aber um diesen Effekt abzuschwächen, trägt er vom Hörakustiker individuell angepasste Ohrschutzstöpsel. Viele haben geraten, dass er die Musik aufgeben soll. Aber das möchte er nicht und die Mutter will ihm diese Freude auch nicht nehmen: „Das gehört doch zu seinem Leben.“ Immer wieder kommt es vor, dass Max nachts nicht schlafen kann, weil dann der Tinnitus besonders präsent ist. Auch zur Schulzeit und wenn Probleme auftauchen, nimmt er den Tinnitus stärker wahr.

Mittlerweile hat sich Max jedoch an seinen Tinnitus gewöhnt und kann sogar ganz gut mit ihm leben. Nur wenn er auf die Ohrgeräusche angesprochen wird, ärgert ihn das: „Frag mich doch nicht immer danach“, antwortet er dann, „denn sonst denke ich gleich wieder daran!“

"Jeder hat seinen Tinnitus. Und jede Geschichte ist anders." (2014)

Frau Müller* war schon immer sehr aktiv. Das hängt wahrscheinlich auch mit ihrem Beruf zusammen: Als Sozialpädagogin und Erzieherin hatte sie ein Kinderheim geleitet und später ein Pilotprojekt an einer Grundschule etabliert. Obwohl sie bereits seit zwei Jahren pensioniert ist, arbeitet sie noch immer zwei Tage in der Schule. Das macht ihr viel Freude.

Vor mehr als zwanzig Jahren bekam sie Probleme mit den Ohren. Dann war plötzlich der Tinnitus da – und er blieb. „Der Sirenenton hat mich wirklich fertig gemacht.“ Sie probierte alles Mögliche aus, um den Tinnitus zu bekämpfen. Besonders hilfreich waren ihr eine Psychotherapie sowie mehrwöchige Kuren, in denen sie die Tinnitus-Retraining-Therapie kennenlernte. „Es war wichtig für mich, runterzukommen.“ Ärzte empfahlen ihr zudem die Deutsche Tinnitus-Liga, um sich mit anderen Menschen über Tinnitus auszutauschen. Was sie hier lernte, war: „Jeder hat seinen Tinnitus. Und jede Geschichte ist anders.“

Heute nutzt Frau Müller ein Hörgerät sowie einen Rauscher. Ihr Tinnitus hat etwas abgenommen. „Aber meinen Frieden habe ich mit dem Tinnitus noch nicht gefunden. Im Laufe der Jahre habe ich alle möglichen Tinnitus-Geräusche erlebt: heulende Sirenentöne, tiefes Brummen und Rauschen sind immer da.“ Trotzdem mag sie es nicht, wenn man sie bemitleidet. Zum Glück geschieht das nicht so häufig, denn viele bewundern, wie sie mit dem Tinnitus umgeht.

„Prävention“ ist für Frau Müller besonders wichtig. Daher spricht sie oft mit ihren Schülern über Tinnitus. Sinnvoll fände sie eine Unterrichtseinheit zum Thema „Hören und Gehörschutz“. Vielleicht ein weiteres Pilotprojekt, das Frau Müller an ihrer Schule etablieren kann?

"Die Töne sind inzwischen die kleinen Schwestern im Ohr." (2014)

Bei der Erzieherin Anne Gunnerson* begann die Tinnitus-Geschichte mit einem Hörsturz vor fünfzehn Jahren.

Betroffen gemacht hat sie, dass ihr Leiden lange nicht ernst genommen wurde – weder von den Medizinern noch von der eigenen Familie. Zum Glück traf sie jedoch auf eine HNO-Ärztin, die ihren Tinnitus diagnostizierte und sie an eine psychosomatische Klinik überwies. Leider musste ihr dann später erklärt werden, dass ihr Tinnitus chronisch sei und sie ihn wohl nicht mehr los werde. Doch die Fachärzte konnten ihr auch Hoffnung machen, dass sie lernen könne, das dauerhafte Pfeifen zu überhören. Diese Aussicht verlieh ihr neue Kräfte: „Ich versuchte, mich nicht weiter zu isolieren, sondern ging wieder auf andere zu. Ich wurde zur ‚Vorzeigepatientin‘.“ Zu dieser Zeit fing sie auch an, sich in der Deutschen Tinnitus-Liga zu engagieren und Selbsthilfegruppen zu besuchen. Andere Menschen kennenzulernen, die genau wie sie an Tinnitus leiden, hat ihr sehr geholfen. „Wer nicht selbst erkrankt ist, kann sich gar nicht vorstellen, was es heißt, einen Tinnitus zu haben. Doch hier in der Gruppe teilen alle diese leidvolle Erfahrung; und deshalb können wir uns auch gegenseitig so gut unterstützen.“

Zusätzlich zum Tinnitus leidet Anne Gunnerson noch an Hyperakusis. Diese Krankheit äußert sich darin, dass Betroffene besonders empfindlich auf Geräusche reagieren. Lärm empfindet sie deshalb als besonders störend. Ihren Beruf als Erzieherin konnte sie deswegen nicht weiter ausüben. Stattdessen entschied sie sich für eine Umschulung und arbeitet seitdem in einem Beruf, in dem es weniger stressig und lautstark zugeht. „Die Töne sind inzwischen die kleinen Schwestern im Ohr, am Tag überhöre ich sie, nur wenn Stress kommt, ist der Tinnitus sofort wieder da.“

Frau Gunnerson möchte anderen Tinnitus-Patienten Mut machen. Sie hat es geschafft zu lernen, mit dem Tinnitus zu leben. Ihr Motto lautet: „Nicht der Tinnitus bestimmt mein Leben, sondern ich bestimme meinen Tinnitus.“

"Das innere Lächeln zu erlernen." (2014)

Jochen Schmidt* leidet seit zwölf Jahren an Tinnitus. Erschwerend kommt hinzu, dass bei ihm auch noch ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) diagnostiziert wurde. Somit muss er nicht nur mit „nervtötenden Ohrgeräuschen“,  sondern auch mit der Tatsache leben, dass er sich oft auf nichts richtig konzentrieren kann.

Die Folgen sind gravierend: Jochen Schmidt ist seit mittlerweile drei Jahren krankgeschrieben. Seiner Arbeit kann er nicht mehr nachgehen; und bisweilen wird er von schweren Depressionen, die bis zu Suizidgedanken reichen, heimgesucht. Der Tinnitus macht ihn immer wieder wütend – angesichts seiner Wehrlosigkeit und infolge des Schmerzes.

Eine Zäsur war die Geburt seines Kindes. Das gab ihm neue Kraft, eine eigene Taktik gegen Tinnitus zu entwickeln. Sein Ziel ist es, das „innere Lächeln“ zu erlernen. Stundenlange Meditations- und körperliche Entspannungsübungen helfen ihm dabei: „Ein klarer friedlicher Geist ist wichtig. Dies ist meine Taktik gegen Tinnitus.“

* Alle Namen mit Sternchen* wurden von der Redaktion geändert